Kulturgeschichte und Mythen

 

Den Menschen der Frühzeit muss die Sonne ein Rätsel gewesen sein. Sie spendete Wärme und Licht, eine Voraussetzung für das irdische Leben, aber sie brachte auch Trockenheit, Dürre und Tod. Der Segen, der von ihren Strahlen ausging konnte jederzeit in eine Bedrohung umschlagen. Dennoch, je mehr sich der Mensch seiner Abhängigkeit von der Sonne bewusst wurde, um so tiefer verehrte er sie. Kein Wunder, dass er den Stern als heilig ansah. Unabhängig voneinander haben fast alle frühen Kulturen der Sonne als Gottheit gehuldigt.

Die Ägypter verehrten den Sonnengott Ra. Dieser Herrscher des Himmels bestieg jeden Morgen  seine Barke und zog am Himmel von Osten nach Westen. Auf seiner täglichen Reise wurde er von zahlreichen anderen Göttern begleitet. Die Sonnenbarke steuerte durch zwölf Regionen des Himmels, welche die Stunden des Tages symbolisierten. Am Ende des Tages stieg er in die Nachtbarke um und segelte durch die finsteren Regionen der Unterwelt zum Ausgangspunkt seiner täglichen Reise zurück (Bild links). Ra, dessen Name soviel wie Schöpferkraft bedeutet, zählt zu den ältesten Göttern am Nil. 

In der Vorstellung der alten Griechen lenkte der Sonnengott Helios, ein Enkel des Himmelsgottes Uranos, seinen goldenen Wagen über das Firmament. Tag für Tag zog ihn ein feuriges Vierergespann verlässlich vom Morgen zum Abend. Uranos Nachfolger war der jugendliche Gott Apoll. Der Sohn des Zeus, mit dem Beinamen  „Phoibos“ (der Strahlende), übernahm das Amt, die Welt zu erleuchten – auch im geistigen Sinn.

Der Sonnengott der Azteken, war „Tonatiuh“. Ihm ist der „Aztekische Kalenderstein“ geweiht. Unter anderem sind darauf vier quadratische Felder rund um Tonatiuhs Antlitz abgebildet. Sie erzählen von den vier bereits untergegangen Welten, welche die Götter einst schufen und wieder zerstörten. Auch die fünfte Welt, die Tonatiuh gerade für die Azteken erhellt, ist nur geliehen. Ihr Untergang steht am „Tag der Bewegung“ bevor. Ein gewaltiges Erdbeben wird alles vernichten. Aber das Ende läßt sich verzögern, solange Tonatiuh ausreichend Menschenblut trinkt. Aus diesem Grund ließen Priester und Könige ihm Heere von Gefangenen opfern, nur um das Ende hinauszuschieben.

Die alten Inka verehrten den Sonnengott „Inti“. Auf Erden herrschte dessen eingeborener Sohn „Sapa Inka“, der „Sohn der Sonne“. Er regierte von seiner  Residenzstadt Cuzco aus, ein Imperium in den Anden. Inti erhellte es als Staatsgott und machte das Reich mächtig und reich. Dafür war sein Kult hervorragend organisiert. In Klöstern dienten ihm Sonnenjungfrauen, und ein Heer von Priestern betreute die Stätten seiner Verehrung.

Erst in jüngerer Zeit verlor die Sonne diese Heiligkeit. Heute weiß man dass das Universum aus mehreren 100 Milliarden Galaxien besteht und jede Galaxie aus ebenso vielen Sternen. Mindestens ein Prozent der Sterne ist wie unsere Sonne beschaffen. Unter diesem Gesichtspunkt ist sie nichts Außergewöhnliches: ein glühender Gasball, der sich von Trillionen vergleichbarer Sterne nur dadurch unterscheidet, dass er – rund 30 000 Lichtjahre vom Zentrum unserer Galaxie entfernt – an einer bestimmten Stelle der Milchstraße steht. Mit ihr dreht sich die Sonne samt ihren neun Planeten um das galaktische Zentrum.

 

Geschichte  der Sonnenwissenschaft und Beobachtung

 

Wie wir sehen, war die Sonne für die Menschen verschiedenster Epochen und Kulturen schon immer sehr interessant und wurde sogar als Gottheit verehrt. Wann aber wurde die Sonne erstmals unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt untersucht?

Schon sehr früh wurden schwarze Flecken auf der Sonne entdeckt.  Wie in vielen anderen Gebieten der Wissenschaft streiten auch hier die Gelehrten  darüber, wer die Sonnenflecken als erster entdeckt hat. Heute schreiben wir die Priorität einer Entdeckung dem zu, der sein Ergebnis als erster veröffentlicht.

Danach  wären die Sonnenflecken eine Entdeckung des ostfriesischen Astronoms Johannes Fabricus, dessen Vater schon begeisterter und angesehener Astronom war und guten Kontakt zu Johannes Kepler hatte. Nachdem in Holland ungefähr im Jahr 1608 das Fernrohr erfunden wurde, sieht Johannes am 9. März 1611 mit einem seiner Fernrohre einen kleinen schwarzen Fleck auf der Sonnenscheibe.

Anfangs glaubt er an einen Täuschung aber als der Fleck selbst am nächsten Tag noch relativ unverändert zu sehen war veröffentlichte er die Neuigkeit im Jahre 1611. Fabricus hat seine Entdeckung der Flecken zwar zuerst veröffentlicht, aber zuerst gesehen wurden sie noch früher.

Bereits in der Zeit vor Christi Geburt findet man Niederschriften über dunkle Punkte auf der Sonnenscheibe. So liest man in alten Berichten z.B. dass im Jahre 354 v. Chr. In der Sonnenscheibe ein dunkles Gebilde „so groß wie ein Hühnerei“ erschienen sei. In alten chinesischen Quellen sind 45 Berichte über Sonnenflecken aus dem Zeitraum zwischen 301 v. Chr. und 1205 n. Chr. Zu finden. Der Biograf Karls des Großen schreibt, dass im Jahre 807 der Planet Merkur acht Tage lang als dunkler Fleck vor der Sonne gestanden habe. Das muss ein großer Sonnenfleck gewesen sein, denn Merkur kann nie länger als etwa einen halben Tag vor der Sonne stehen.

Der englische Mathematiker und Philosoph Thomas Harriot (1560-1621) hat am 8. Dezember 1610 Sonnenflecken mit Hilfe des Fernrohres registriert. Drei Tage vor Fabricus, am 6. März 1611, bemerkte der Jesuitenpater Christoph Scheiner (1588-1657) mit seinem Schüler und Gehilfen Johann Baptist Cyast (1588-1657) die Flecken auf der Sonnenscheibe. Es kommt zum Streit mit Galileo Galilei (1564-1642) der sie schon 1610 gesehen und gezeichnet haben will. Zeichnungen von Sonnenflecken aus Galileis Hand zeigt die Abbildung oben. So sehr Galilei und Scheiner sich sonst auch bekämpften, hier waren sie sich einig, Fabricius‘ Entdeckung zu ignorieren.

Scheiner bediente sich bei seinen Beobachtungen der Flecken einer Methode bei der man das Fernrohr auf die Sonne richtet und das durch das Rohr gehende Licht hinter dem Okular auf einen hellen Schirm fallen lässt (siehe Abbildung ganz unten). Bei geeigneter Einstellung projiziert die Optik des Fernrohrs ein scharfes Sonnenbild auf die Fläche des Schirms. 

Die Sonnenforschung ging weiter und Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von Gustav Kirchhoff (1824-1887) und Robert Wilhelm Bunsen (1811-1899) in Heidelberg die Spektralanalyse entwickelt. Diese Methode erlaubte es aus der Strahlung eines Stoffes chemische und physikalische Informationen zu erhalten, ohne mit dem Stoff selbst in direktem Kontakt zu sein. Diese Erkenntnis eröffnete der Sonnenforschung neue Pforten.

Im Jahr 1802 stellte William Hyde Wollaston (1766-1828) fest, dass das Spektrum der Sonne nicht völlig kontinuierlich ist, sondern von dunklen Linien durchzogen ist. Aber erst Joseph von Fraunhofer (1787-1826) untersuchte das Sonnenspektrum intensiver. 1814 veröffentlichte er seine visuellen Beobachtungen die bereits 574 dunkle Linien aufzeigten.  Außerdem bestimmte er zum ersten Mal die Wellenlängen der später nach ihm benannten Linien mit Hilfe eines von ihm erfundenen Beugungsgitters.

Mittels des nach Christian Doppler (1803-1853) benannten Effektes bestimmt Nils Christoffer Dunär (1839-1914) gegen Ende des 19. Jahrhunderts die genaue Rotation des Sonnenkörpers. Die Ergebnisse entsprechen der schon 1630 von Scheiner aus der Änderung der Position von Sonnenflecken bestimmten Rotationsdauer.

Die Korona und Protuberanzen waren der Astronomie von Sonnenfinsternis-Beobachtungen schon lange bekannt, aber erst durch die Spektralanalyse konnten sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts genauer untersucht werden. 1908 wurden  mit Hilfe des Turmteleskopes am Mount Wilson Observatorium in Kalifornien die Magnetfelder in den Sonnenflecken entdeckt. Mit diesem weltweit ersten Turmteleskop (mit einer Brennweite von 18 m) gelangen vielen Entdeckungen, die noch heute grundlegend für die Sonnenphysik sind.  Dass die heutige Sonnenphysik so detailliertes und exaktes Wissen über ‚unsere‘ Sonne angesammelt hat verdanken wir vor allem der Erforschung durch Raumfahrt, Raumsonden und Satelliten.

 

HTML PW